Sehen die Werkshallen der Kunststoffverarbeiter von morgen so aus? Foto: Big Rep

Daten sind die Assets von morgen

Plastics in the Future

Eckard Foltin im Interview über technische Kunststoffe der Zukunft.

3D-Drucker machen Verbraucher zu Hightechproduzenten, CD-ROM, DVD und Blu-Ray-Disc werden bald nicht mehr gebraucht, immer mehr junge Menschen können sich ein Leben ohne Autos vorstellen und finden Spaß an der Vorstellung, Dinge zu teilen statt zu kaufen – werden technische Kunststoffe in der Welt von morgen überhaupt noch in den heutigen Tonnagen gebraucht? Und wie sollen die Hersteller in einer Sharing Economy noch Gewinne machen?

Herr Foltin, Ihre Visionen stellen die aktuellen Geschäftsmodelle der großen Polymer-Anbieter infrage. Was kommt auf diese Unternehmen zu?
Eckard Foltin: Die Frage, die sich die Kunststoffproduzenten stellen müssen, ist: Wie sieht ihr Geschäftsmodell der Zukunft aus? Welche Innovationen sind dafür nötig? Wer wird morgen ihr Kunde sein? Heute sind das die Spritzgießer. Morgen vielleicht die 3D-Druckeranbieter. Oder sogar die Endverbraucher selbst. Man muss sich vor allem eins klarmachen: Die Assets von morgen sind keine Produktionsanlagen, sondern Daten! Ich denke, dass sich hier in der Tat ganze Wertschöpfungsketten verschieben werden.

Aber wie sollen abstrakte Daten Produkte zum Anfassen ersetzen?
Eckard Foltin: Ich will auf Folgendes hinaus: In Zukunft werden die wirklich lukrativen Geschäfte nicht mehr über die verkaufte Tonnage irgendeines Polymers gemacht, sondern über Know-how, über das Wissen drum herum. Ein gutes Beispiel für diesen Ansatz ist die Erco Leuchten GmbH aus Wachtberg. Die Firma hat früher Leuchten angeboten. Inzwischen wirbt sie damit, dass sie Licht verkauft.
Natürlich hat das Unternehmen nach wie vor ein breites, „greifbares“ Produktprogramm, erst vor Kurzem hat man dort komplett auf LED-Technik umgestellt und sich damit ganz nebenbei völlig neue Optionen eröffnet. Aber das Entscheidende ist, dass man bei Erco weiß, wie man mit Licht Stimmungen erzeugt. Man schaut, was der Kunde erreichen möchte – und überlegt dann erst, mit welchen Mitteln man das dann realisiert. Das ist auf die Kunststoffbranche übertragbar. Die Zukunft gehört den Unternehmen, die sich nicht über große Produktionsanlagen definieren, sondern die ganz genau wissen, was ihre Kunden wollen. Die also über den präzisesten Datenschatz verfügen.

Eckard Foltin, Ex-Bayer-Mann und Unternehmensberater Foto: Foltin
Eckard Foltin, Ex-Bayer-Mann und Unternehmensberater Foto: Foltin

Zur Person
Eckard Foltin verfügt über 31-jährige internationale Erfahrung in einem Großkonzern. Die Suche nach neuen Anwendungen für Polymere und die globale Umsetzung von Foresight-Prozessen in die Unternehmensstrategie gehörten zu seinen strategischen Aufgaben. Er hat ein internationales Netzwerk an der Schnittstelle zwischen Anwendungsentwicklung und Material­anforderung zu Industriepartnern und Designern aufgebaut. Foltin Future Consulting beschäftigt sich mit der methodischen Suche und Erarbeitung neuer Innovations­felder und Anwendungslösungen in wachsenden Industriebranchen.

Kunststoffe werden also weiter gebraucht …
Eckard Foltin: Ja, aber das Stichwort ist: Material follows function. Die entscheidende Frage wird sein: Wie löse ich ein Problem? Was muss die Lösung dafür können? Dann erst kommt das Material ins Spiel. Schauen Sie: Wenn jemand ein Loch in der Wand haben möchte, ist ihm völlig egal, wie es da hineinkommt. Hauptsache, er kann eine Schraube hineindrehen und sein Bild daran aufhängen. Allmählich breitet sich in der Gesellschaft die Erkenntnis aus, dass auch die schönste Bohrmaschine jahrelang eigentlich nur herumliegt. Da findet derzeit ein Umdenken statt: Baumärkte verdienen inzwischen gutes Geld, indem sie Werkzeuge auch vermieten, statt sie nur zu verkaufen. Aber die Kunststoffbranche macht sich immer noch Gedanken darüber, wie eine optimale Bohrmaschine aussehen muss. Die Zukunft gehört aber denen, die einen größeren Bogen spannen und über das Aufhängen von Bildern nachdenken.

Ist diese Sharing Economy tatsächlich ein stabiler Trend? Oder nur eine Modeerscheinung? Kann man Trends überhaupt vorhersagen?
Eckard Foltin: Ich denke schon. Denn das ist lebenswichtig für Unternehmen. Das Thema Robotik zum Beispiel galt vielen noch vor fünf Jahren als Science-Fiction. Inzwischen ist es zu einem Zukunftsmarkt geworden. Wer früh genug eingestiegen ist, ist jetzt in der Poleposition – wieso sonst hat der geplante Verkauf der Kuka AG an
chinesische Investoren zu so einer breiten Diskussion geführt? Wer dagegen jetzt erst auf den Zug steigt, der hat eigentlich keinen Wettbewerbsvorteil mehr.
Darum wird es immer wichtiger, vorausschauend zu denken. Gerade in großen Unternehmen herrscht aber immer noch zu oft ein Klima, das gerade das verhindert. „Das kann doch gar nicht funktionieren.“, „Das passt nicht zu unserem Kerngeschäft.“, „Das beobachten wir erst einmal in Ruhe und entscheiden dann.“ – das sind typische Ausreden. Aber so verschläft man Trends. Hinterher muss dann viel Geld investiert werden, um die verpasste Entwicklung nachzuholen.

Keine Lampen, sondern Lichtstimmungen verkaufen: Das ist der Ansatz der Erco GmbH. Für Eckard Foltin ein Vorbild für die K-Branche. Foto: Edgar Zippel
Keine Lampen, sondern Lichtstimmungen verkaufen: Das ist der Ansatz der Erco GmbH. Für Eckard Foltin ein Vorbild für die K-Branche. Foto: Edgar Zippel

Was spricht denn dagegen, abzuwarten und sich die nötigen Kompetenzen irgendwann einfach einzukaufen?
Eckard Foltin: Ja, zuschlagen, sobald die kleinen Innovatoren mit dem Scale-up Probleme bekommen … Das ging lange gut. Leider ist das heute nicht mehr so einfach wie früher. Weil der neue Bereich dann womöglich nicht mehr zu den Kernkompetenzen passt. Der Rest der Firma muss anschlussfähig sein. Nein, ich denke, das muss anders laufen.

Nun wird aber nicht alles, was mal Science-Fiction war, auch Realität …
Eckard Foltin: Natürlich muss nicht alles fliegen. Aber man muss auf die Spielwiese! Nur dort werden Gamechanger geboren. Elon Musk zum Beispiel hat man auch hierzulande lange unterschätzt. Jetzt hätten manche Spaß an den Bestellzahlen, mit denen seine Tesla-Elektroautos aufwarten können. Wir müssen uns dagegen fragen: Was passiert, wenn wir uns nicht bewegen?

Wie behält man die Zukunft also im Auge, ohne sich zu verzetteln?
Eckard Foltin: Indem man sich Entwicklungen ansieht, für die Kunststoffe eine Relevanz haben. Da muss man natürlich manchmal etwas um die Ecke denken und das große Ganze im Blick haben – wie bei dem Beispiel mit den Bohrmaschinen..
Wir erleben derzeit, wie sich die Koordinaten des ganzen Systems ändern. Wir sehen einen Übergang von der analogen in die digitale Welt.

„Die entscheidende Frage wird sein: Wie löse ich ein Problem? Was muss die Lösung dafür können? Dann erst kommt das Material ins
Spiel“, Eckard Foltin

Mit welchen Konsequenzen?
Eckard Foltin: Zum einen: Der 3D-Druck wird die heute gewohnte Industrieproduktion auf den Kopf stellen. Zum anderen: Immer mehr Aufgaben werden von immer intelligenteren Robotern übernommen, die Beziehung zwischen Menschen und Maschinen wird sich drastisch ändern. Welcher Chef wird noch eine Sekretärin brauchen, wenn Assistenzsysteme wie Apples Siri immer intelligenter werden? Und wir Menschen ändern uns auch. Die Senioren von morgen werden zum Beispiel viel schneller adaptieren als heute – und dank der Fortschritte der Pharmaforschung auch länger gesund bleiben.
Mit der Lebenswelt ändern sich selbstverständlich auch die Anforderungen der Verbraucher. Die Menschen werden mobiler, man wird dank Internet mehr Zeit unterwegs verbringen statt im Büro. Wieso ein Meeting in einem langweiligen Besprechungsraum abhalten, wenn man sich dazu auch an den Rhein setzen könnte? Und gegen körperliche Defizite werden Exoskelette helfen, die die Muskeln unterstützen, da können Sie jeden Rollator in die Ecke stellen!

„Gamechanger lassen sich von Paradigmen nicht aufhalten“, Eckard Foltin

Inwieweit ändert das die Lebenswelt?
Eckard Foltin: Die steigende Mobilität wird Konsequenzen haben. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, dass man in Zukunft häufiger Elektroautos fährt. Wir reden nicht von vier, fünf Jahren, sondern denken weiter. E-Autos kann man nicht mal eben auftanken – das braucht Zeit. So werden sich Parkhäuser zu Elektrotankstellen mausern. Das wird sie völlig verändern; sie werden vollkommen andere Aufgaben übernehmen als heute.
Aber wir müssen gar nicht so weit in die Zukunft sehen. Digitalisierung und „Big Data“ läuten schon heute die vierte industrielle Revolution ein.

Womit wir beim 3D-Druck wären. Ist der nicht viel zu umständlich für die Massenproduktion?
Eckard Foltin: Das ist nicht der Punkt. Wir stehen hier vor einem echten Paradigmenwechsel! Der 3D-Druck ermöglicht eine hochindividualisierte Fertigung – und das ist neu! Damit werden ehemalige Konsumenten plötzlich zu Hightechproduzenten. Die Technologie führt Produktion und Montage in einen Schritt zusammen. Alles, was Sie brauchen, sind Zugang zu einem Drucker und Daten, die Sie sich aus dem Netz holen. Das wird ganze Wertschöpfungsketten verändern.

Aber es eignen sich noch längst nicht alle Werkstoffe für den 3D-Druck. Widerspricht das nicht dem „material follows function“-Ansatz?
Eckard Foltin: Nicht unbedingt. Schon heute ist die Palette riesig – man kann bereits Keramiken und Metalle im Sinterverfahren drucken. Ich glaube auch, dass sich alles, was man heute bereits gießen kann, prinzipiell auch für den 3D-Druck eignet. Auch Lichtleiter wird man drucken können. Damit können Sie sogar Daten übertragen.

3D-Druck – das ist doch Science-­Fiction? Nun ja: Hier wird gerade ein Auto gedruckt. Diese Technik wird die Branche umkrempeln. Foto: Local Motors
3D-Druck – das ist doch Science-­Fiction? Nun ja: Hier wird gerade ein Auto gedruckt. Diese Technik wird die Branche umkrempeln. Foto: Local Motors

Was wird aus den vielen hochspezialisierte Werkstoffen, die in ihrem jeweiligen Anwendungsfeld fest etabliert sind? Die dürften kaum zu ersetzen sein …
Eckard Foltin: Sehen Sie sich einmal die Entwicklung der Tintendrucker an. Erst gab es die nur in Schwarz-Weiß, dann konnten sie Grundfarben darstellen – und heute Millionen von Farben. Ich sage: einfach mal abwarten, was die Technik bringt. Vielleicht reichen drei, vier „Farben“ tatsächlich nicht, um eine möglichst große Palette von Eigenschaften abzubilden. Aber vielleicht 14? Polyure­thane bestehen ja sogar nur aus zwei Komponenten: Polyol und Isocyanat – und sehen Sie, was damit alles geht! Damit sind sogar Hart-Weich-Kombinationen denkbar – und damit Gelenke, zum Beispiel für gedruckte Möbel, die sich der Gestalt ihres Benutzers anpassen. Dem Anwender wird egal sein, woraus sein Möbelstück besteht – wichtiger ist, dass es auf ihn zugeschnitten ist. Wir werden Eigenschaften drucken.
Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel! Dass sich so viele Kunststoffe angeblich nicht für den 3D-Druck eignen, das ist ein Paradigma. Game­changer kümmern sich nicht um Paradigmen. Die machen einfach.

Aber wie sieht es mit Sicherheitsaspekten aus? Da braucht man zertifizierte Werkstoffe … Heute werden Werkstoffe auf strenge Anforderungen hin entwickelt. Was, wenn der Aspekt „Druckbarkeit“ zum Beispiel Crashanforderungen zuwiderläuft?
Eckard Foltin: Oft sind das Problem lediglich die bestehenden Zertifizierungen und Freigaben. Auch da möchte ich Ihnen ein Beispiel geben: Hochdruckbehälter aus emailliertem Stahl. Eine Beschädigung der Innenwand hatte früher eine langwierige Reparatur zur Folge – das konnte bis zu neun Monate dauern. Ich kenne eine Firma, die sich nun darauf spezialisiert hat, die schadhafte Stelle zu scannen und per 3D-Druck eine Art maßgeschneidertes „Pflaster“ herzustellen. Das dauert nur noch wenige Tage. Und das Verfahren ist zertifiziert. Daran sehen Sie, dass der 3D-Druck längst keine Spielerei mehr ist, sondern strengen Anforderungen gerecht wird!

„Der 3D-Druck wird die heute gewohnte Industrieproduktion auf den Kopf stellen“, Eckard Foltin

Und was wird aus Spritzgießern oder Verarbeitern, die sich über Jahre zum Beispiel auf die Polycarbonat-Verarbeitung spezialisiert haben? Die können doch nicht alle auf 3D-Druck umsteigen.
Eckard Foltin: Das ist ein gutes Beispiel! CDs und DVDs aus PC waren auch einmal Gamechanger. Mittlerweile werden sie zunehmend von USB-Sticks, Festplatten und Cloud-Diensten abgelöst – sie erreichen rapide das Ende ihres Lebenszyklus.

Ist der Werkstoff damit ein Auslaufmodell?
Eckard Foltin: Es gilt, neue Marktbedürfnisse zu identifizieren, die man mit diesem Material bedienen kann. Ein Beispiel: Lampen aus Glas kann man zerschlagen. Daran sehen Sie, dass selbst das Produkt „Licht“ nichts „Körperloses“ ist, sondern eine starke Materialkomponente hat. Hier liegt eine spannende Chance für Polycarbonat: Ich kenne ein kleines Start-up-Unternehmen, das flache LED-Lampen entwickelt, bei denen die Leiterbahnen direkt auf den Kunststoff aufgedruckt sind. Die Leitungen sind dabei so intelligent gestaltet, dass sie gleichzeitig die Rolle des Vorwiderstands übernehmen.
So vereinfacht man die Produktion und spart sogar Bauelemente. Im Vordergrund steht: Licht. Aber möglich wurde diese – massentaugliche! – Lösung nur dank PC. Und Sie erweitern gleichzeitig die Möglichkeiten der Lampentechnologie. Flache Leuchten können Sie überall dort verbauen, wo bisherige LED-Lampen mit ihren Kühlkörpern keinen Platz fanden, zum Beispiel in Auto-Kofferräumen. So erschließen Sie sich mittels Kunststoffen ganz neue Funktionalitäten. Und sparen gleichzeitig Energie. In Zukunft wird Licht noch viel wichtiger werden und ganz neue Aufgaben übernehmen.

„Für die Branche heißt es in den kommenden Jahren: Abschied nehmen von vielen alten Gewissheiten“, Eckard Foltin

Welche?
Eckard Foltin: Wenn Sie Lichtschalter betätigen, übertragen Sie automatisch eine Information. LEDs haben sehr viel kürzere Schaltzeiten als Glühlampen. Warum sollte man über LED-Lampen nicht zum Beispiel digitale Daten übertragen? Auch daran sieht man: Wenn man einfach einmal gewohnte Herangehensweisen infrage stellt, eröffnen sich auf einmal Chancen, an die man vorher überhaupt nicht gedacht hatte. Dieser Ansatz führt zu neuen Produkten und neuen Märkten.

Dr. Stefan Albus

 

Anlaufbild: Big Rep