Der Digitaldruck eröffnet völlig neue Möglichkeiten. Foto: Argolite

Die Zukunft der Verarbeitung

Plastics in the Future

Wie geht es weiter mit der kunststoffverarbeitenden Industrie? Ein Branchenexperte beantwortet die grundlegenden Fragen. Marktstudien geben weitere Einblicke.

Angesichts der Vielzahl von Einflüssen  wie Vernetzung, Demografie oder den Rohstoffmärkten und der scheinbar immer noch zunehmenden Geschwindigkeit des Wandels sind Prognosen im Industriebereich keine exakte Wissenschaft. Allerdings gibt es durchaus signifikante Entwicklungen, die auch in die Zukunft blicken lassen.

Das K-MAGAZIN bat Ralf Olsen, den Hauptgeschäftsführer des Pro-K Industrieverbands Halbzeuge und Konsumprodukte aus Kunststoff, um eine Einschätzung der Lage und Zukunftsaussichten der kunststoffverarbeitenden Industrie aus der Sicht seiner Verbandsarbeit: „Die kunststoffverarbeitende Industrie befindet sich seit vielen Jahren auf einem soliden und stetig steigenden Wachstumskurs“, so Olsen.

Digitalisierung bleibt Topthema

Derzeit seien eine ganze Reihe von Trends und Herausforderungen sichtbar. Ein beständig an Bedeutung zunehmendes Thema sei die Digitalisierung.  Olsen rechnet auch weiterhin mit einem erheblichen Einfluss dieser Entwicklung. „Die Vernetzung und die Verbesserung von Prozessen sollen den Energieverbrauch optimieren, eine effizientere Verarbeitungsweise ermöglichen und mehr Präzision und Flexibilität mit sich bringen. Diese Effizienz der Maschinen gewinnt in Zukunft weiter an Bedeutung, da unter anderem die steigenden Energie- und Rohstoffkosten eine zunehmende Herausforderung für die Branche werden. Die Energiepreise bleiben im Fokus der Unternehmen.“

Nicht zuletzt fordert Olsen auch die Politik auf, den Standort Deutschland für die kunststoffverarbeitende Industrie attraktiv zu halten. Besonders hebt er dabei den Einfluss der Energiepreise hervor: „Die politischen Rahmenbedingungen müssen so angepasst werden, dass eine Sicherheit der Energieversorgung trotz Energiewende gewährleistet werden kann und die Energiekosten die Position der deutschen Verarbeiter im europäischen Wettbewerb nicht gefährden.“

Volatile Rohstoffmärkte

Ein weiterer Dauerbrenner für die Verarbeiter von Kunststoffen und Halbzeugen bleiben die Unsicherheiten auf den Rohstoffmärkten. „Die Entwicklung der Branche und die Versorgung mit Rohstoffen gehen Hand in Hand. Die Lieferfähigkeit ist zu einem immer wichtigeren Thema in der Branche geworden, was sich letztlich auch in einer Ausweitung der Lagerkapazität für Rohstoffe und Halbzeuge manifestiert hat. Sowohl im Bereich der Thermoplaste als auch der Duroplaste eröffnen neue Rohstoffe und Zulieferprodukte weitere Entwicklungsmöglichkeiten.“

Die Kunststoffindustrie ist aus Sicht von Olsen innovativ und bleibt es auch. „Kunststoff ist der Werk­stoff der Zukunft. Das gilt für viele Bereiche bei Halbzeugen und Konsumprodukten. Die Entwicklungen lassen sich anhand zweier Beispiele festmachen. Im Bereich der dekorativen Schichtstoffplatten (HPL) bietet der Einsatz des Digitaldrucks ganz neue Möglichkeiten der individualisier­ten Gestaltung von Oberflächen. Ein weiteres Beispiel sind die Kunststoffflaschenkästen. Ehemals aus Holz oder Metall sind sie so gut wie in jedem Haushalt präsent.

Zu einer neuen Entwicklung gehört das In-mould Labeling, durch das neue haptische und optische Erlebnisse möglich sind“, so Olsen weiter.

Fallstrick Fachkräftemangel

Natürlich benötigt die Branche bei aller Automatisierung und Digitalisierung auch in Zukunft fähige und motivierte Mitarbeiter. Auf diesen Punkt legt Olsen besonderen Wert. „Die stetige und erfolgreiche Entwicklung der Branche ist in Zukunft auch davon abhängig, ob es gelingt, ausreichend Fachkräfte einzuwerben. Neben der Durchdringung der Digitalisierung in allen Bereichen – von der Technik bis zum Vertrieb – ist der demografische Wandel eines der Topthemen, die es zu bewältigen gilt.“

Die Wachstumsentwicklung der Branche, die in der Regel höher liegt als das BIP, zeige zusammen mit dem wachsenden Erfolg von Kunststoffprodukten im Ausland, dass Kunststoff und seine Anwendungen nicht nur in allen Lebensbereichen angekommen sind, sondern auch Lösungen für  Zukunftsfragen von heute und morgen böten.

Positive Marktaussichten

Marktforschern von Technavio zufolge wird der Markt für Maschinen zur Verarbeitung von Kunststoffen in den kommenden Jahren bis 2021 jährlich um gut 3 % zulegen. Immer mehr Menschen auf der Welt ernähren sich von Nahrungsmitteln, die in großen Betrieben hergestellt werden. Daraus entsteht ein rasch zunehmender Bedarf an Kunststoffverpackungen, was wiederum den Absatz von Verarbeitungstechnologie antreibt. Die Maschinenbauer investieren dementsprechend in die Erweiterung ihrer Produktionskapazitäten. Allein in den vergangenen vier Wochen gab etwa der Folienhersteller Bischof und Klein eine Millionen-Investition bekannt, Gabriel Chemie will demnächst in Russland mehr Masterbatch produzieren und Schweißanlagenhersteller Leister steckt mehrere Millionen Schweizer Franken in sein Stammwerk in der Schweiz.

Umweltbewusstsein wächst

Die Kunststoffindustrie sieht sich auch mit dem zunehmenden Trend zu mehr Interesse am Erhalt der natürlichen Umwelt konfrontiert. Immer mehr Menschen sind nicht nur bereit, für umweltverträgliche Produkte mehr zu bezahlen, sie ändern sogar ihren Lebensstil. Den Marktforschern zufolge ist ein großer Trend in der Kunststoffverarbeitung die Entwicklung von Verpackungen, die sich besser entleeren lassen und kontrolliertes Ausgießen ermöglichen, ohne etwas zu verschütten. Die zunehmende Herstellung dieser Verpackungen wird sich positiv auf den Absatz von Maschinen zur Herstellung von Kunststoffverpackungen, aber auch von Abfüll­anlagen auswirken.

Asien führt den Weltmarkt an

Vor allem die immer noch boomende Automobil­industrie hat dem Maschinenbau in Asien enormen Auftrieb gegeben. Gerade erst hat der chinesische Spritzgießmaschinenbauer Haitian einen Umsatzrekord für das erste Halbjahr 2017 bekannt gegeben. Die Umsatzerlöse im China-Geschäft stiegen um knapp ein Drittel an, der Umsatz im Export stieg um genau ein Drittel. Die Entwicklung werde sich in den kommenden Jahren fortsetzen, so Technavio. Der chinesische Markt werde bald ein Drittel des Weltmarktes ausmachen.

30 Milliarden Euro bis 2019

Die Marktforscher von Freedonia sind, was die Aussichten für Kunststoffmaschinen betrifft, sogar noch optimistischer als ihre Kollegen. Dort glaubt man, dass der Weltmarkt für Maschinen zur Verarbeitung von Kunststoff sogar um 4 % pro Jahr wachsen wird auf 35,8 Mrd. USD (30 Mrd. EUR) im Jahr 2019.

Neben Asien seien auch die Perspektiven in Afrika deutlich überdurchschnittlich. In Asien sei neben China auch in Indien, Indonesien und Vietnam eine stark zunehmende Nachfrage nach Equipment für die Kunststoffverarbeitung  zu erwarten. In der Region Afrika und Naher Osten geben Saudi-Arabien und immer noch die Türkei die Wachstumsgeschwindigkeit vor. Angesichts der aktuellen politischen Lage ist diese Prognose mit erhöhter Unsicherheit behaftet.

Gefragte 3D-Drucker

Freedonia zufolge werden die 3D-Drucker das Maschinensegment mit der höchsten Wachstumsrate sein. 2019 soll der Weltmarkt ein Volumen von rund 2 Mrd. USD erreichen. Das Wachstum sei auch deshalb so dynamisch, weil der 3D-Druck rasch immer neue Anwendungsfelder erobere bei der Herstellung von Implantaten, in der Medizin allgemein und in der Ausbildung. Größtes Maschinensegment ist und bleibt der Spritzgießmaschinenbereich. Bis 2019 sollen hier Freedonia zufolge weltweit Umsätze in Höhe von gut 14 Mrd. USD erreicht werden. Die 3D-Druck-Technologie ist aufgrund ihrer Vielseitigkeit und der hohen Qualität der so hergestellten Produkte zukunftsträchtig.

Bau, Verpackung und Medizin

Ein großer Teil der Kunststoffprodukte wird in andere Branchen zugeliefert. Für das zweitgrößte Segment, die Verpackungsbranche, gilt das zu einem erheblichen Teil.

Ebenfalls ein großer Innovationstreiber ist die Medizinindustrie. Sei es bei den Produkten selbst oder bei ihren Verpackungen. Bei flexiblen Verpackungen für die Medizin liegt der Kunststoffanteil einer aktuellen Marktstudie von Grand View Research zufolge bei über 70 %.

Philipp Lubos

Aufmacherbild: Argolite