Die Zukunft des Recyclings wird in manchen Teilen der Welt abhängen von der Etablierung effizienter  Sammlungssysteme.  In anderen kommt es bereits auf die Sicherstellung hochwertiger Stoffströme an. Foto: Herbold Meckesheim

Auf nachhaltigem Kurs

Plastics in the Future

Die Zeiten sind gut für Rezyklierer von Kunststoffen. In Europa verbessert sich konstant die Nachfrage, Entwickungs- und Schwellenländer folgen. Wie geht es weiter?

Das Recycling von Kunststoffen hat in den vergangenen Jahren enorm an wirtschaftlicher Bedeutung und öffentlichem Interesse gewonnen. Zum einen ist die Menge des verwendeten Kunststoffs immer weiter angestiegen, andererseits ist mit der daraus reultierenden Abfallmenge auch das Problem­bewusstsein in der Bevölkerung gewachsen. Das hat wiederum die Politk dazu veranlasst, den Einsatz von Recyclingkunststoffen zu fördern. Gleichzeitig setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass die endlichen fossilen Ressourcen tatsächlich zu Ende gehen können und außerdem ihre Nutzung das Klima auf der Erde beeinflusst. Das K-MAGAZIN bat Werner Herbold, Geschäftsführer des Recycling­spezialisten Herbold Meckesheim, Manfred Hackl, CEO von Erema, und Dr. habil. Thomas Probst, Kunststoff­experte beim BVSE-Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung, um eine Einschätzung der derzeitigen Lage und der Zukunftsaussichten.

Ganze Branche im Wandel
Manfred Hackl, CEO Erema Foto: Erema
Manfred Hackl, CEO Erema Foto: Erema

Erema-CEO Manfred Hackl erkennt große Veränderungen, nicht nur im Recycling, sondern in der gesamten Kunststoffindustrie. „Wenn man die aktuellen Entwicklungen betrachtet, so befindet sich nicht nur die Recyclingwirtschaft in einem Wandel, sondern die gesamte Kunststoffindustrie“, so Manfred Hackl, CEO der Erema Group.

Das Umdenken in der Branche sei stark vom Circular-Economy-Konzept geprägt, welches Re­cycling eine wesentliche Rolle im Schließen des Produktkreislaufs zuschreibt. Um das Potenzial von Recycling weiter auszubauen, setzt Erema auf ausgeklügelte Recyclingtechnologie zur Steigerung der Rezyklatqualität sowie auf Automatisierung.Die qualitative Verbesserung von Regranulaten betreffend, hat Erema alleine im letzten Jahr mehrere technische Neuheiten auf den Markt gebracht. Der Re Fresher für geruchsoptimierte Regranulate oder das Quality On-Paket zur Farb- und MVR-Messung machen den Qualitätsfokus des Maschinenherstellers deutlich.

Neben der Qualität sieht Erema auch die Automatisierung der Maschinen und die damit verbundene Prozessoptimierung und Nachweisbarkeit als wesentlichen Hebel für die Recyclingbranche. Startschuss war aus Sicht von Hackl die Markteinführung des Manufacturing Execution System re 360, einer Software, mit der Rezyklierer und Produzenten ihren gesamten Maschinenpark im Überblick haben. „Die Schere zwischen immer stärker verschmutzten Materialien und dem Ruf nach Qualitätsregranulat verlangt nach einem nachweisbaren Recyclingprozess. Diese Brücke wollen wir mit unserer Technologie schlagen“, erläutert Manfred Hackl.

„Die Entwicklung verläuft unterschiedlich schnell“
Werner Herbold, Geschäftsführer Herbold Meckesheim. Foto: Herbold Meckesheim
Werner Herbold, Geschäftsführer Herbold Meckesheim. Foto: Herbold Meckesheim

Werner Herbold teilt seine Betrachtung in zwei Ebenen. Es gebe nämlich erhebliche Unterschiede zwischen dem Kunststoffrecycling in den Industriestaaten und dem in weniger entwickelten Weltregio­nen. „Aus einem internationalen Blickwinkel ist Kunststoffrecycling der Zukunft in allererster Linie das mehr oder weniger ähnliche Nachvollziehen der mitteleuropäischen Entwicklung der letzten 10 bis 15 Jahre. Die zunehmende Verwertung der gebrauchten, vermischten und verschmutzten Kunststoffe aus Verpackung, Altbau, Altauto, Elektronikschrott und ähnlichen Quellen. Das ist erst mal Getrenntsammlung und/oder Sortierung, dann hat man die Stoffströme und dann entwickelt sich ausgehend von den Kunststoffströmen eine darauf zielende Kunststoffrecyclingindustrie. Man kann das derzeit sehr schön in den USA beobachten, die Hartkunststoffe aus dem Hausmüll sind leidlich im Griff, die Reviere abgesteckt, jetzt sind die Folien dran, das wird die Beteiligten mehrere Jahre beschäftigen. Die Entwicklung findet aber auch (unterschiedlich schnell) statt in Süd- und Mittelamerika, in China, in Nahost, in Russland.“

Für Europa sieht der Recyclingprofi die Lage etwas anders: „Aus einem eher mitteleuropäischen Blickwinkel fällt in den letzten Jahren die zunehmende Verkettung von optisch-elektronischer (Nach-)Sortierung mit Waschen – Trennen – Trocknen ins Auge. Man kann mit einem zusätzlichen Hightech­sortierschritt vor einer Waschanlage ein sehr viel besseres Endprodukt erzeugen als zuvor. Und wenn dann noch die Trennstufen in den Waschanlagen von einfacher Schwimm-Sink- auf Hydro­zyklon- oder Zentrifugentechnik aufgerüstet werden, kann man Abfälle des Kunststoffrecyclings verarbeiten, die vorher verbrannt werden mussten, und kann man aus allen anderen Fraktionen deutlich höherwertige Rezyklate erzeugen, als dies bisher der Fall war.“

Herbold weiß, dass der Markt hochwertige Rezyklate fordert und auch der Endverbraucher mittlerweile die ökologischen Vorteile von rezyklierten Kunststoffen zu schätzen weiß. Das eröffnet neue Märkte. „Die bessere Qualität führt zu steigender Akzeptanz der Rezyklate, längst ist es vorbei, dass man Parkbänke herstellen musste oder Holz und Beton ersetzen durch Rezyklatkunststoff. Heute sind viele Teile ganz oder im Kern oder in prozentualer Zugabe aus Rezyklatkunststoff, die man vor fünf oder zehn Jahren noch zu 100 Prozent aus Neuware oder allenfalls aus sauberem Produktionsabfall machte. Profile und Rohre, verschiedene  Automobilteile, verschiedene Folien in Verpackung und Landwirtschaft, verschiedene Behälter bis hin zu größten Regenwassersammeltanks. Vom idealen Kunststoffrecycling sind wir aber auch in Deutschland noch weit entfernt“, so Herbold. Er glaubt, dass auch die politischen Entscheidungsträger mehr für das Kunststoffrecycling tun könnten.

„Ein großer Schritt ins ideale Kunststoffrecycling könnte die stärkere Einflussnahme von Industrie, Handel und Politik auf die Rezyklierbarkeit der Kunststofferzeugnisse sein. In Brüssel und Berlin gibt es hierzu konkrete Überlegungen. Vielschicht­folien, PVC-Sleeve-Etiketten um PET-Flaschen, falsche Barriereschichten in Getränkeverpackungen, metallisierte Oberflächeneffekte, Flammschutzvorsorge, es gibt ein breites Feld an möglichen Veränderungen zur Verbesserung der Recyclingfähigkeit ohne größere (aber natürlich mit) Einbußen in Schönheit, Werbekraft und Haltbarkeit.“

Die drei Ebenen des Recycling
Dr. Thomas Probst, BVSE-Kunststoffexperte Foto: BVSE
Dr. Thomas Probst, BVSE-Kunststoffexperte Foto: BVSE

Dr. Probst weist auf die Verbindung zwischen den Ebenen des Kunststoffrecyclings hin. „Das Kunststoffrecycling in Deutschland erfolgt auf drei Ebenen. Als Erstes ist hier zu nennen, dass Kunststoffrezyklate die Neuware ergänzen und in Mischungen mit der Neuware in Produkten eingesetzt werden. Da sind als Zweites all diejenigen Anwendungen, in denen Kunststoffe andere Materialien wie Holz, Beton oder Stahl ersetzen. Ein schönes Beispiel hierfür sind die Bauzaunfüße, die eine hohe Akzeptanz haben, da diese stabiler als Betonfüße sind, länger haltbar bei geringerem Gewicht und überdies deren Unfallpotenzial deutlich kleiner ist. Schließlich werden Kunststoffe als Ersatzbrennstoffe eingesetzt, die primäre Energieträger vorteilhaft ersetzen.“

Bei der Frage nach der Zukunft des Kunststoffrecyclings seien diese drei Ebenen zu berücksichtigen. Dies gelte auch deswegen, da Kunststoffabfälle in einer Kaskadennutzung die Ebenen nacheinander bedienen können. Für das bestehende Kunststoffrecycling sei zudem zu bedenken, dass die drei Ebenen miteinander vernetzt sind. Überdies sind die kunststoffspezifischen Gegebenheiten zu berücksichtigen. Oder anders ausgedrückt: Was für PET gilt und typisch ist, hat nur wenig mit dem Recycling von Mischkunststoffen gemein.

„Bei der Frage nach der Zukunft des Kunststoff­recyclings müssen die beiden ersten Ebenen weiter­entwickelt werden. Das Kunststoffrecycling muss verbesserte Rezyklate generieren, die den Anforde­rungen der Primärware gleichkommen. Hierfür sind insbesondere die Sammlung beziehungsweise die Getrennthaltung von Kunststoffabfällen auszubauen. In der zweiten Ebene, die bereits gut etabliert ist, fehlen neue Anwendungen, um die zusätzlich anfallenden Mengenströme sinnvoll aufzunehmen. So gibt es bereits heute viele Produkte des Kunststoffrecyc­lings, aber durch das Green Public Procurement, das ist das öffentliche und auch das private Beschaffungswesen, könnten vermehrt Bretter, Pfosten, Ladungsträger, Buhnen und Rasengitter aus Kunststoffrezyklaten Verwendung finden. Vorbild ist hier der Einsatz von Altpapier in den Papierprodukten.“

Als zentrales Element für die Weiterentwicklung des Kunststoffrecyclings identifiziert Probst eine möglichst hohe Qualität. „Die Getrennthaltung von anderen Materialien und die Getrennthaltung nach Kunststoffsorten sind wesentlich. Eine Sammlung, ohne dass Verschmutzungen und Kontaminationen erfolgen, weitet den möglichen Einsatz der Abfälle beträchtlich aus. Hier ist es wichtig, den Wert der Kunststoffe für die Umwelt und als Ressource zu begreifen. Das Motto ,Kunststoffen einen Wert geben‘ verhindert letztlich den Gedanken, Kunststoffe seien nur zum einmaligen Gebrauch da und sollten anschließend der Verbrennung zugeführt werden. Das Motto ,Kunststoffen einen Wert geben‘ verhindert auch das Littering in die Umwelt. Leider ist heute nur wenigen bewusst, welch große Bedeutung Kunststoffe beispielsweise in Medizin und Technik haben.“

Beispiel für ein Recycling der Zukunft? Das Äußere des Textmarkers besteht zu über 80 % aus Rezyklat, das aus Deckeln für Getränkeflaschen gewonnen wird. Foto: Interseroh
Beispiel für ein Recycling der Zukunft? Das Äußere des Textmarkers besteht zu über 80 % aus Rezyklat, das aus Deckeln für Getränkeflaschen gewonnen wird. Foto: Interseroh

Auf die Frage, wie die Politik das Recycling von Kunststoffen befördern könne, rät Probst, zunächst deutlich zu machen, dass deren Zweitnutzung das Image der Kunststoffe insgesamt verbessert. „Hier sind die Rohstoff- und Energieeinsparung sowie die Verringerung schädlicher Treibhausgase zu nennen. Deswegen wird hier ausdrücklich eine Verpflichtung zum Green Public Procurement eingefordert. Bei Ausschreibungen ist der Anteil an verbauten Recyclingprodukten nachzuweisen. Und schließlich muss die fortdauernde Diskriminierung von Rezyklaten ein Ende finden. Kunststoffrezyklate ergänzen die Primärware vorteilhaft und erfüllen damit deren Anforderungen, wenn sich alle Beteiligten positiv darauf einigen wollten. Hier ist also eine Recycling­initiative gefragt, wie wir sie aus den Bereichen des Papierrecyclings kennen.“

Mit dem Sammeln ist es noch nicht getan

Für die Zukunft fordert Probst mehr Kooperation: „Vereinte Anstrengungen in Europa könnten einen eng vernetzten Weg für das echte Kunststoffrecycling fördern. Um dies zu verdeutlichen: Bisher wurde in unseren Nachbarländern vor allem das Sammeln von Kunststoffabfällen ausgebaut – deren Verwertung aber nicht weiterentwickelt. So sollte aber jeweils die gesamte Kunststoffstrecke über Sortieren, Aufbereiten, Recycling bis zum Herstellen von Produkten aufgebaut sein. Bisher werden vor allem diejenigen Strukturen bedient, die sicherstellen, dass Kunststoffe gesammelt werden und anschließend nach Fernost gelangen. Die Zeiten des Cherry-Pickings sind jetzt vorbei. Jeder europäische Mitgliedsstaat ist gefordert, ausreichende Verwertungsstrukturen für die im Inland anfallenden Kunststoffe aufzubauen.“

Philipp Lubos

Aufmacherbild: Herbold Meckesheim