Professor Helmar Franz ist 2015 in den Aufsichtsrat von Haitian International, Hongkong, gewechselt – nach insgesamt zehnjähriger Tätigkeit für das Unternehmen als Vice President und später als Mitglied des Vorstands sowie Chief Strategy Officer (CSO). Als Mitglied des Boards ist er heute als Strategieberater für die Gruppe tätig und führt unter anderem die Gespräche mit Investoren und Analysten. Foto: Haitian

Es geht ans Eingemachte

Plastics in the Future

Spritzgießmaschinen müssen sich fit machen für die Zukunft – aber wie?

Wie sieht die Spritzgießmaschine der Zukunft aus? Professor Helmar Franz, Mitglied des Aufsichtsrats beim chinesischen Spritzgießmaschinenbauer Haitian International, sieht die Branche in der Pflicht, sich auf das Wesentliche bei Spritzgießmaschinen zu konzentrieren. Allerdings sei das Wesentliche, so gesteht er in diesem Interview, nicht statisch zu definieren.

Herr Professor Franz, Haitian hat in der Vergangenheit wiederholt angekündigt, den Spritzgießmaschinenmarkt revolutionieren zu wollen. Wo stehen Sie heute?
Professor Helmar Franz: Ich darf nach zehn Jahren Haitian International behaupten, dass wir definitiv den Spritzgießmaschinenmarkt in unterschiedlicher Weise und Stärke geprägt haben. In China durchaus auch auf revolutionäre Weise. In Europa etwas leiser, aber dennoch nicht weniger nachhaltig. Wir haben es ein Stück weit geschafft, den Markt zu entzaubern. Mit einem Standard, der weit weg von überladenen High-End-Lösungen mit endlosen Optionslisten ist und dennoch für 80 Prozent der Anwendungen passt. Eben Technologie auf den Punkt. Und das ist keine leere Marketingphrase, sondern zehntausendfach praktizierte Realität.

Was konkret meinen Sie damit?
Helmar Franz: Mit Zhafir Plastics Machinery haben wir gerade in Europa bezahlbare elektrische Konzepte kultiviert. Weltweit gesehen haben wir fast unsere Vision erreicht, die wir auf unserer ersten Pressekonferenz am Frankfurter Flughafen 2004 kommunizierten. Ich sah damals in viele zweifelnde Gesichter. Aber wir haben uns auf den Weg gemacht und jede Menge Erfahrungen gesammelt. Heute sind unsere elektrischen Baureihen Venus und Zeres in China mit Abstand die meistverkauften elektrischen Maschinen und in Asien gehören wir zu den Top Drei. Und nicht zuletzt hat Haitian Plastics Machinery ohne viel Trommelwirbel mit der Mars Baureihe die meistverkaufte Spritzgießmaschine der Kunststoffgeschichte erschaffen. Ihr servo­hydraulischer Antrieb wird in der Branche bereits seit 2008 als selbstverständliche Standardausrüstung betrachtet.

Franz in einem der zahlreichen Haitian-Werke. Über insgesamt 700.000 m² Produktionsfläche verfügt das Unternehmen. Foto: Haitian
Franz in einem der zahlreichen Haitian-Werke. Über insgesamt 700.000 m² Produktionsfläche verfügt das Unternehmen. Foto: Haitian

Vollelektrische Standardmaschinen zum Preis von hydraulischen Maschinen – inwiefern ist dies heute auf dem Markt gegeben?
Helmar Franz: Bei uns ist das bereits so. Allerdings trifft das nur für anspruchsvollere Anwendungen zu, wo eben auch anspruchsvollere hydraulische Maschinen im Einsatz sind – wie zum Beispiel in Deutschland. Wie Sie wissen, arbeiten wir an neuen „revolutionären“ Konzepten, die preislich noch attraktiver sind und bei denen sich die Frage, ob hydraulisch oder elektrisch, erübrigen soll. Hier ist jedoch Geduld gefragt. Von oben kommt man nicht bei einer Eco-Version an. Da muss man ans Eingemachte. Für ein solches Produkt reicht es nicht aus, alles nur etwas billiger zu machen oder etwas wegzulassen. Um dieses Ziel zu erreichen, sind Grundsatzuntersuchungen erforderlich – und da arbeiten wir eng mit Forschungseinrichtungen in China und weltweit zusammen, was eben dauert, um ein nachhaltiges Resultat präsentieren zu können.

Auch europäische Spritzgießmaschinenbauer bieten seit vergangenem Jahr vollelektrische Standardspritzgießmaschinen an. Stimmt die Richtung aus Ihrer Sicht?
Helmar Franz: Es zeigt, dass der Markt dafür wächst, und das haben wir ja so erwartet. Natürlich freuen wir uns auch und sind stolz, dass unsere Strategien sich als richtig erweisen.

Sie proklamieren, dass Spritzgießmaschinen zu frugalen Produkten werden müssen – sozusagen reduziert auf das Wesentliche und verfügbar zu günstigen Kosten. Warum?
Helmar Franz: Wenn Sie mit frugal sparsam oder karg meinen, dann trifft es das Thema nicht ganz. Es ist eben Technologie auf den Punkt, also reduziert auf das Wesentliche. Dies erlaubt dann neue Ansätze in der Konstruktion.

Was ist für Sie das Wesentliche einer Spritzgießmaschine?
Helmar Franz: Das ist so allgemein nicht zu beantworten. Hier sind genaue Analysen wichtig. Über das, was wirklich für die jeweilige Anwendung erforderlich ist. Und wieder sind wir bei Technologie auf den Punkt. Dabei ist es anzustreben, die Kunststoffteile der verschiedensten Anwenderbranchen in kunststofftechnische Kategorien zu bündeln, um noch größere Skaleneffekte und eine größere Flexibilität der Technik zu erzielen.

Und auf was kann man Ihrer Meinung nach verzichten?
Helmar Franz: Auf nichts Bestimmtes und im absoluten Sinn. Allerdings ist das „Wesentliche“ eben auch ein dynamischer Begriff. Das Umfeld ist ja in Bewegung: Neue Rohstoffe werden entwickelt, neue Anwendungen entstehen. Eine weitere massive Bewegung sind die Entwicklung der Digitalisierung und Automatisierung und das sich verändernde Endkundenverhalten – also auch unseres als Konsumenten.

Welche Auswirkungen hat ein sich veränderndes Endkundenverhalten auf Spritzgießmaschinen?
Helmar Franz: Hier sprechen wir vom Internet-fokussierten Kaufverhalten und allen möglichen Varianten der sogenannten Shared Economy. Ich bin überzeugt, dass dieses veränderte Umfeld nicht ohne Veränderungen der Maschinennutzung oder des Kaufverhaltens unserer Kunden bei Investitionsgütern bleiben wird. Hier werden Flexibilität und kurzfristige Nutzung für einen überschaubaren Zeitraum eine Rolle spielen – und darauf muss meines Erachtens die Branche eine Antwort entwickeln.

Welches Marktpotenzial sehen Sie für Maschinen, die auf das Wesentliche fokussiert sind?
Helmar Franz: Ein stark wachsendes in den nächsten fünf Jahren. Natürlich wird es immer regio­nale Unterschiede im Detail geben, die generelle Tendenz sehe ich aber durchaus global.

Sehen Sie diese Entwicklung in anderen Bereichen des industriellen Umfelds? Gibt es Vorbilder?
Helmar Franz: Ich kenne einige für mich beeindruckende Pilotprojekte bei sehr hochproduktiven Landmaschinen und auch bei Hightechholz-
bearbeitungsmaschinen.

Welche Hausaufgaben müssen noch gemacht werden, um eine frugale Spritzgießmaschine auf den Markt zu bringen?
Helmar Franz: Wir müssen ans Eingemachte. Der Leichtbau bei beweglichen Maschinenteilen schafft zum Beispiel die Voraussetzung für den möglichen Einsatz neuer Antriebskonzepte, um damit den Energieverbrauch und die Kosten an der „Wurzel“ zu verringern.

Ist das Thema Plastifizierung bereits zu Ende gedacht?
Helmar Franz: Natürlich nicht. Denn die Geschwindigkeit, mit der ein paar wenige Projekte auf diesem Gebiet betrieben werden, ist aus meiner Sicht unbefriedigend. Offensichtlich sieht man hier die Fortbestehung des Spritzgießprozesses als ein Hauptprozess zur Herstellung von Kunststoffteilen und die Weiterentwicklung der Plastifiziersysteme in keinem notwendigen Zusammenhang. Ich beobachte jedoch bereits heute den Trend, dass bei einigen traditionell im Spritzgießverfahren hergestellten Anwendungen ein Wechsel zu anderen Technologien erfolgt – insbesondere auch, wenn es um neue Werkstoffe geht. Wir brauchen neue Ansätze für das Plastifizieren, um die Herstellung von Kunststoffteilen aus neuen Materialien oder aus Kunststoffen mit speziellen eigenschaftsverbessernden Füllstoffen – zum Beispiel Nano-Filler – und Farben im Spritzgießprozess zu ermöglichen.

Wie sieht es im Werkzeugbereich aus?
Helmar Franz: Im Werkzeugbereich sehe ich auch noch Luft nach oben. Hier bräuchten wir eine Prozesstechnik, die eine deutliche Verringerung der Schließkraft insbesondere – aber nicht ausschließlich – bei großen Kunststoffteilen zulässt. Dies würde dann wiederum zu einer deutlichen Einsparung bei den Werkzeugen führen. Werkzeuge aus Aluminium oder anderen leichten Materialien statt festem, aber teurem Stahl sorgen für eine deutliche Senkung der Kosten und der Verringerung der Fertigungszeit für diese Werkzeuge.

Welche Entwicklungen etwa auf Komponentenebene befeuern oder fördern dieses Konzept aktuell?
Helmar Franz: Wir müssen wie gesagt über Essenzielles nachdenken. Da sehe ich eine Reihe von Themen wie beispielsweise Leichtbau anstelle von Guss und Stahl bei den Spritzgießmaschinen. Es werden neue Materialien und Oberflächenbehandlungstechniken entwickelt. Aber auch eine höhere Leistungsdichte bei elektrischen Antrieben birgt neue Chancen. Alternative Antriebe sind ebenfalls ein Thema, dazu gehören magnetische Direkt­antriebe. Durch die neue maschinentechnische Kommunikation können Kabel in der Maschine entfallen. Eine Vereinfachung der Bedienung gehört auch dazu. Bei Hydraulikmaschinen geht die Entwicklung zu höheren Drücken, damit braucht man neue Verbindungen bei Schläuchen und Rohren und die generell höhere Zuverlässigkeit bei Komponenten.

Den nächsten Effizienzschub verspricht sich so mancher Kunststoffverarbeiter von der Vernetzung der Spritzgießmaschinen – Stichwort Industrie 4.0. Steht dies dem frugalen Ansatz nicht entgegen? Wird es dadurch nicht komplexer und komplizierter?
Helmar Franz: Überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Ich glaube, eine erhöhte Flexibilität der Maschinen durch mehr Standardisierung – wie vorher schon ausgeführt – führt zu einer flexibleren und auch kostengünstigeren Einbindung in die verschiedensten Cyber Physical Systems.

Über Haitian
Stückzahlen Haitian International hat 2016 circa 29.500 Spritzgießmaschinen ausgeliefert. Damit ist das Unternehmen nach Stückzahlen der weltweit größte Spritzgießmaschinenbauer. Etwa 30 % der Maschinen gingen in den Export. Der Umsatz lag 2016 bei 8,9 Mio. RMB (1,13 Mio. EUR). Im ersten Halbjahr 2017 hat das Unternehmen mit mehr als 18.000 Maschinen einen neuen Rekord verzeichnet – dies entspricht einer Steigerung um über 30 % gegenüber dem Vergleichszeitraum 2016. In Deutschland produziert Haitian International Germany im oberpfälzischen Ebermannsdorf in zwei Fertigungshallen.

Sie haben sich vor zwei Jahren noch sehr kritisch geäußert hinsichtlich der Herausforderungen und Erfolgsaussichten von Industrie 4.0. Wie sehen Sie die Entwicklungen heute?
Helmar Franz: Ich glaube, dass meine Ausführungen von damals weiter Bestand haben, und ich sehe mich auch von einigen Entwicklungen auf diesem Gebiet bestätigt. Aus meiner Sicht ist in den vergangenen Jahren eine gewisse Euphorie einer sachlichen Bestandsaufnahme und Bewertung der Wirtschaftlichkeit und praktischen, teilweise un­spektakulären Lösungsansätzen gewichen. Auch die unterschiedlichen Konzepte in verschiedenen Teilen der Welt sind deutlicher geworden und helfen so die durchaus ja sehr unterschiedlichen Anforderungen genau zu bedienen.

Weiter in die Zukunft gedacht: Halten Sie es für möglich, dass das Prinzip der Spritzgießmaschine neu gedacht wird?
Helmar Franz: Natürlich bleibt das Spritzgießen als genereller technologischer Prozess auch so definiert. Die Frage ist nur, ob er noch so breit zur Herstellung der erforderlichen Kunststoffteile angewendet werden kann. Die Chance darauf reduziert sich meines Erachtens dramatisch, wenn die vorher aufgeführten Hausaufgaben nicht gemacht werden. Schon heute sehen wir zum Beispiel bei Anwendungen mit hochfesten oder auch speziell wärme- und feuerbeständigen Kunststoffen oder bei sehr flachen geformten Teilen wieder Lösungen durch die Halbzeugproduktion mit anschließendem Fräsen, Bohren oder Drehen auf angepassten Werkzeugmaschinen oder durch Umformen auf Pressen. Auch muss man sich in Zukunft wohl darauf einstellen, dass Komponenten der Spritzgießmaschine gemeinsam mit anderen kunststoffverarbeitenden Technologien wie dem Pressen, der Extrusion oder auch dem Thermoformen eingesetzt werden.
Professor Franz, danke für das Gespräch.

Sabine Koll

Aufmacherbild: Haitian