Norbert Ermer, Geschäftsführer von Stäubli Tec Systems Connectors in Bayreuth Foto: Stäubli

Ganzheitlich automatisieren

Industrie 4.0

Wie Quick Mould Change-Konezpte bei den Anwendern ankommen.

Stäubli zeigt auf der Fakuma 2017 wegweisende, ganzheitliche Automatisierungslösungen rund um die Spritzgießmaschine. Wie diese Quick Mould Change-Konzepte bei den Anwendern in der Kunststoffindustrie ankommen, wollten wir von Norbert Ermer, Geschäftsführer von Stäubli Tec Systems Connectors in Bayreuth, wissen.

Herr Ermer, Stäubli präsentierte bereits auf der K 2016 in Düsseldorf ganzheitliche QMC-Lösungen. Haben sich die hohen Erwartungen bei Stäubli, die mit diesem technologischen Quantensprung einhergehen, tatsächlich in der Praxis erfüllt?
Norbert Ermer: Unsere Erwartungen und Prognosen haben sich nicht nur erfüllt, wir haben sie bei Weitem übertroffen. Die Nachfrage nach den Automatisierungslösungen, die ja nicht nur den Werkzeugwechsel, sondern die komplette Automatisierung von Spritzgießmaschinen inklusive Roboterhandhabung umfassen, sorgt dafür, dass wir uns über eine sehr gute Auftragslage freuen können. Resultierend daraus bauen wir in allen Bereichen unsere Kapazitäten kontinuierlich aus.

Die Resonanz au fdas auf der K 2016 erstmals vorgestellte Konzept zum extrem schnellen Werkzeugwechsel bei Spritzgießmaschinen hat alle Erwartungen von Stäubli übertroffen. Foto: Stäubli
Die Resonanz au fdas auf der K 2016 erstmals vorgestellte Konzept zum extrem schnellen Werkzeugwechsel bei Spritzgießmaschinen hat alle Erwartungen von Stäubli übertroffen. Foto: Stäubli

Worauf führen Sie diesen Boom zurück?
Norbert Ermer: Viele Spritzgießer stehen nicht nur unter hohem Wettbewerbsdruck, sie kämpfen auch mit immer häufigeren Werkzeugwechseln. Das ist eine Folge des Trends hin zu einer immer größeren Variantenvielfalt, der die Losgrößen schrumpfen lässt. Standen Werkzeugwechsel an Spritzgießmaschinen in der Vergangenheit vielleicht nur einmal wöchentlich an, können diese heute bereits mehrmals pro Tag erforderlich sein. Für die Betreiber wird diese komplexe Aufgabenstellung zur echten Herausforderung: Die Rüst- und Nebenzeiten steigen signifikant an, was sich natürlich negativ auf die Produktivität auswirkt. Mit unseren Lösungen können wir dem sehr effizient entgegenwirken.

Aber Stäubli ist ja nicht das einzige Unternehmen, das Lösungen im Bereich QMC anbietet.
Norbert Ermer: Aber wir sind das einzige Unternehmen weltweit, das ganzheitliche Lösungen basierend auf dem eigenen Produktportfolio anbieten kann, und genau das ist der entscheidende Unterschied. Wir können heute wirklich nahezu jeden Kundenwunsch bei der Automatisierung von Spritzgießmaschinen erfüllen. Wir haben von der einfachen Schnellkupplung über Spannsysteme in mechanischer, hydraulischer oder magnetischer Ausführung bis hin zum Roboter oder Werkzeugwechselwagen einfach jede Komponente oder jedes System im Programm. Nur deshalb können wir auch ganzheitliche Lösungen anbieten, die aus jeder Spritzgießmaschine eine autarke, hochproduktive Fertigungszelle machen. Eine derartige Lösungskompetenz kann nur ein Unternehmen bieten, das gleichzeitig in den Bereichen Quick Mould Change und Robotik beheimatet ist.

Aber sind es tatsächlich die großen vernetzten Lösungen, die Sie bald wieder auf der Fakuma in Friedrichshafen präsentieren werden, die derzeit Ihr Hauptgeschäft darstellen?
Norbert Ermer: Nein, natürlich ist das Geschäft mit einzelnen Komponenten und Teillösungen nach wie vor unser Hauptumsatzträger. Aber der Fokus ist entscheidend. Und der richtet sich bei den meisten unserer Kunden, die sich vielleicht im ersten Schritt mit der Investition in eine Multikupplung oder in ein Spannsystem begnügen, ganz klar auf das Thema Vollautomation. Und diese Anwender können darauf vertrauen, dass sie mit Stäubli einen Partner an ihrer Seite haben, der sie bei jedem weiteren Automatisierungsschritt optimal unterstützen kann, so dass am Ende kein zusammengewürfeltes Experiment mit Teilen unterschiedlichster Hersteller herauskommt, sondern eine optimal aufeinander abgestimmte Lösung aus einer Hand. Das und die Qualität unserer Komponenten sind die Hauptgründe für unseren Erfolg in der Kunststoffbranche.

Heißt das im Gegenzug, die durchgängig automatisierte, digital vernetzte Spritzgießzelle, die Stäubli auf Messen zeigt, ist eigentlich noch eine Vision?
Norbert Ermer: Keinesfalls! Wir haben bereits ähnlich komplexe Anlagen realisiert und sind derzeit in der Umsetzung ebensolcher wegweisender Komplettanlagen bei führenden Automobilzulieferern in aller Welt. Aber der Regelfall ist das natürlich noch nicht. Meist besteht bereits irgendeine teilautomatisierte Lösung, auf die wir aufsetzen. Das ist wie mit dem Neubau auf der grünen Wiese, das ist eben doch die Ausnahme.

In der maximalen Ausbaustufe der Quick Mould Change-Lösung von Stäubli mit einer digital vernetzten Komplettautomation der Spritzgießmaschine werden sämtliche Verbindungen zwischen Werkzeug und Spritzgießmaschine vollautomatisch getrennt und verbunden. Foto: Stäubli
In der maximalen Ausbaustufe der Quick Mould Change-Lösung von Stäubli mit einer digital vernetzten Komplettautomation der Spritzgießmaschine werden sämtliche Verbindungen zwischen Werkzeug und Spritzgießmaschine vollautomatisch getrennt und verbunden. Foto: Stäubli

Was wird auf der Fakuma in Friedrichshafen im Mittelpunkt Ihres Messeauftritts stehen, die ganz große Lösung oder eher die Komponentenseite?
Norbert Ermer: Beides, denn das eine resultiert ja aus dem anderen. Aber das eigentliche Messehighlight wird natürlich die digital vernetzte Komplettautomation einer Spritzgießmaschine sein, anhand derer wir alle wesentlichen Prozessschritte im Detail darstellen. Das beginnt mit der Vorbereitung, dem Vorwärmen mittels manueller Multikupplungen und dem Transport des Werkzeugs, geht über die exakte Positionierung an und in der Spritzgießmaschine, das Spannen des Werkzeugs über ein automatische Magnetspannsystem bis hin zum Anschluss aller Signal- und Medienverbindungen über vollautomatische Multikupplungen.

Das hört sich vielversprechend an, aber welche konkreten Anwendervorteile gehen mit dieser Lösung einher?
Norbert Ermer: Die Vorteile betreffen jeden Prozessschritt und sind so zahlreich, dass sie sich am besten vor Ort auf der Fakuma darstellen lassen. Das Wesentliche dabei ist, dass wir mit unserer durchgängigen Stäubli QMC-Lösung den Werkzeugwechsel unter höchsten Sicherheitsstandards vollautomatisch innerhalb einer Minute realisieren können. Sie können sich vorstellen, was das für die Produktivität beim Spritzgießen bedeutet. Wir dringen diesbezüglich in völlig neue Dimensionen vor. Dazu trägt natürlich nicht nur der schnelle Werkzeugwechsel bei, sondern auch die Integration unserer Roboter, die das Be- und Entladen der Spritzgießmaschine sowie nachgelagerte Prozessschritte bis hin zur Komplettbearbeitung übernehmen können.

Sie sprechen dabei von Industrie-4.0-kompatiblen Lösungen. Was ist konkret darunter zu verstehen?
Norbert Ermer: Heute ist es möglich, jeden Prozessschritt sensorisch zu überwachen  und damit jeden Parameter zur Steuerung der Abläufe heranzuziehen. Wir beginnen bereits bei der Vortemperierung des Werkzeugs, bei der wir dank unserer Kupplungstechnik den Werkzeugzustand erfassen können und somit die Daten für den weiteren Produktionsprozess bereitstellen. Eventuelle Störungen wie das Nichterreichen der Betriebstemperatur lassen sich so vorzeitig erkennen. Auch der Werkzeugwechsel selbst ist komplett sensorisch überwacht. Um auch hier höchste Prozesssicherheit zu gewährleisten, stimmen Maschine und Werkzeugwagen ihren Zustand automatisch bei jedem Schritt ab.

Der Wechsel der Spritzgießwerkzeuge ist bei dder Quick-Mold-Change-Lösung von Stäubli komplett sensorisch überwacht. Foto: Stäubli
Der Wechsel der Spritzgießwerkzeuge ist bei dder Quick-Mold-Change-Lösung von Stäubli komplett sensorisch überwacht. Foto: Stäubli

Sind solche komplexen Lösungen in der Praxis nicht besonders störanfällig?
Norbert Ermer: Nein, keinesfalls. Stäubli blickt auf über 60 Jahre Erfahrung in der Kunststoffindustrie zurück. Wir haben von der Schnellkupplung über alle denkbaren QMC-Komponenten bis hin zum Roboter eine umfassende Expertise in der Kunststoffverarbeitung. Unsere Lösungen gelten als absolut prozesssicher. Wir  bieten heute das breiteste Spektrum an Automatisierungslösungen. Die Stäubli Komplettlösungskompetenz ist der Schlüssel zur Bewältigung einer immer variantenreicheren Kunststoffproduktion mit immer kleineren Losgrößen. Und: Die Durchgängigkeit einer Lösung aus einer Hand steht für maximale Effizienz ohne Einschränkungen.

Ralf Högel

Aufmacherbild: Stäubli