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„Schluss mit der Recyclinglüge“

Allgemein, Recycling

Martin Treder vom ITAD stellt klare Forderungen an die Akteure im Kunststoffrecycling. Das K-MAGAZIN sprach mit Martin Treder, zuständig für Energie, Klima und Nachhaltigkeit beim ITAD, dem Verband der Betreiber von thermischen Abfallbehandlungsanlagen. Die Verbrennung oder thermische Verwertung von Kunststoffabfällen ist in Deutschland der Weg des Großteils der Kunststoffabfälle. Martin Treder beleuchtet die Hintergründe.

Herr Treder, welche europäischen Regularien werden das Kunststoffrecycling Ihrer Ansicht nach in den kommenden Jahren maßgeblich beeinflussen?
Martin Treder: Zunächst sollte man sich die generellen Entwicklungen der Abfallwirtschaft in der EU anschauen. Leider muss man feststellen, dass sich der Stand der Kreislaufwirtschaft in den Ländern nicht annähert, sondern im Gegenteil: Die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Entwicklung zur Ressourcenwirtschaft nehmen noch zu. Während wir hier in Deutschland mittlerweile jedem Milchdöschen hinterherlaufen, treten die Entwicklungen in vielen süd- und osteuropäischen Ländern seit Jahren auf der Stelle. Besondere Bedeutung hat das EU-Abfallwirtschaftspaket mit den Regelungen der Recycling- und Deponierungsquote für Siedlungsabfälle. Nur Deutschland erreicht derzeit die Zielvorgaben – maximal zehn Prozent Deponierungsquote und mindestens 65 Prozent Recyclingquote. Solange in der EU derzeit noch die Hälfte der Staaten über 40 Prozent der Siedlungsabfälle deponieren und noch fast 20 Jahre weiter deponiert wird, kann man nicht ernsthaft von zukunftsweisenden Regelungen sprechen. Hinzu kommen weitere grundlegende Herausforderungen wie unterschiedliche umweltpolitische Werte, keine Datengrundlage – nur wenige Länder haben ein vergleichbares statistisches Erfassungssystem der Abfallmengen wie Deutschland, Mentalitätsunterschiede bei Berichtspflichten und Überwachung und aufeinander nicht abgestimmte rechtliche Regelungen, gerade im Produkt-, Chemikalien- und Abfallrecht. Und noch ganz wichtig: Eine Festlegung von politischen Quoten ohne Berücksichtigung des Marktes funktioniert nicht. Also, um die Frage kurz zu beantworten: Ich erwarte mir wenig Konkretes, leider.

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Am integrierten Entsorgungsstandort AEZ Asdonkshof wird auch Abfall thermisch verwertet. Foto: Kreis Weseler Abfallgesellschaft

Wo ist Recycling von Kunststoffabfällen aus Ihrer Sicht sinnvoll – und wo nicht?
Martin Treder: Auch hier muss man zunächst eine grundlegende Frage stellen: Haben wir ein Ressourcenproblem bei den Kunststoffen? Doch wohl eher nicht. Wenn wir den Klimaschutz ernst nehmen, müssen unvorstellbare Mengen an fossilen Primärenergieträgern im Boden bleiben. Müssen wir nicht eher unsere knappen Ressourcen, also „Money“ und „Brain“, auf die wesentlichen Herausforderungen richten wie Metall- und Phosphorrecycling?
Aber einer der wesentlichen Ansätze ist das Stoffstromdesign. Hierzu zählt das schon seit Jahrzehnten diskutierte Produktdesign, also früh das Recycling mitzudenken. Die meisten Verbundmaterialien lassen sich noch nicht rezyklieren, aber thermisch verwerten. Bei dem stark wachsenden Markt der Composites könnte sich aber ein generelles Entsorgungsproblem ergeben, insbesondere bei CFK, das die Abfallverbrenner von der Entsorgung ausgeschlossen haben. Nicht rezyklierbar sind auch die mit Schad- und Störstoffen belasteten Kunststoffe. Ich erinnere an die Diskussion zu HBCD. Somit würde ich die Forderung erweitern wollen: Bei der Produktauswahl muss überhaupt die Entsorgbarkeit mitgedacht werden.
Für hochwertiges Recycling gilt also: Qualität statt Quantität! Aber ohne Quantität ist kein nachhaltiger Einsatz von Rezyklaten im Massenmarkt möglich. Kunststoffverarbeiter bemängeln ja auch die unsichere Versorgung mit Rezyklaten. Es gibt aber weitere Marktherausforderungen wie vergleichsweise hohe Rezyklatpreise, aber auch mangelnder Innovationswille, unzureichendes Marketing/Produktdesign und Anpassung der rechtlichen Regelungen. Also: hochwertiges Recycling unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten ja, Downcycling in fragwürdigen ausländischen Anlagen nein!

Wonach lässt sich die Sinnhaftigkeit 
beurteilen?
Martin Treder: Gesetzlich vorgegeben sind Recyclingquoten. Zunächst muss aber definiert werden, wie Quoten zu berechnen sind. Die jetzige Vorgehensweise – Input in die erste Anlage gleich 100 Prozent Verwertung – ist nicht sachgerecht. Darüber hinaus braucht man die Basis, um von da aus eine Quote zu berechnen. Die Diskussionen um die Lizenzmengen bei den dualen Systemen zeigen die Komplexität beziehungsweise den Erfindungsreichtum. Bei den thermischen Abfallbehandlungsanlagen – kurz TAB – gibt es bereits eine Klassifizierung der Energieeffizienz durch den R1-Faktor, beim Recycling fehlen jedoch stoffspezifische Vorgaben beziehungsweise eine Definition: „Was ist hochwertiges Recycling?“ Prof. Bunge hat in der Schweizer Studie KuRVe zu Kunststoffverpackungen bereits einen ersten Ansatz für „Recycling-Klassen“ formuliert:

  • Hochwertig – Sekundärgranulat ersetzt 90 Prozent Primärkunststoff.
  • Mittelwertig – Sekundärgranulat ersetzt 70 Prozent Primärkunststoff, zum Beispiel aus PE-Granulat von Folien werden Blumentöpfe hergestellt.
  • Niederwertig – Sekundärgranulat ersetzt Holz oder Beton beispielsweise in Europaletten oder in Rasengittersteinen.

Oder der Ansatz für Plastikprodukte mit dem Blauen Engel, hier müssen mindestens 80 Prozent Recyclingkunststoff aus „Verbraucherabfällen“ enthalten sein. Quoten können, wenn die Basis bekannt ist, ein Mittel zur Zielerreichung sein. Dazu muss man aber die Ziele festlegen. Kriterien, um Ziele zu definieren, könnten etwa die Berücksichtigung von „Life-Cycle-Denken“, Internalisierung externer Kosten, Nachhaltigkeitsaspekte – auch bei Exporten – sein. Nach Meinung von Prof. Bunge, Umweltexperte an der Hochschule Rapperswil, ist eine Zero-Waste-Economy durch überrissenes Recycling erzwingen zu wollen weder ökonomisch noch ökologisch sinnvoll. Der ökologische Ertrag steigt linear mit der Wertstofferfassung, der ökologische Aufwand steigt ab einer gewissen Recyclingquote jedoch exponentiell. Ziel ist es nun, für die einzelnen Wertstofffraktionen den optimalen ökologischen Gewinn abzuleiten. Ab einer gewissen Recyclingquote fällt der ökologische Gewinn exponentiell ab. Diese Ökoeffizienz-Betrachtung beschreibt somit das generelle Ziel, einen möglichst hohen Umweltnutzen mit möglichst wenig Aufwand zu generieren. Besonders effizient sind marktnahe Systeme, also solche, bei denen ein substanzieller Anteil des Erlöses durch den Wertstoffverkauf generiert wird, und das Recycling von großen Mengen. Dabei darf es keine starren Quoten geben, da sich der Markt ständig ändert –„atmende Quoten“.

„Erzwungenes Recycling ist weder ökologisch, noch ökonomisch sinnvoll.“

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Der ungeregelte Export von Kunststoffabfällen und solchen, die Kunststoffe erhalten, führt zu massiver Umweltzerstörrung – wie hier im ghanaischen Agbogbloshie. Foto: Martin Tender

Wie schätzen Sie den Einfluss der restriktiven chinesischen Importregularien für Kunststoffabfälle auf die Stoffströme in Deutschland ein?
Martin Treder: Sehr selbstkritisch und vielsagend sind die Aussagen von Ton Emans, Präsident von Plastics Recyclers Europe: „Der Markt ist aufgrund der chinesischen Einfuhrbeschränkungen mit Kunststoffabfällen von niedriger Qualität überversorgt. Diese niedrigen Qualitäten wurden bisher als billige End-of-Life-Lösung für schlecht gesammelte und sortierte Abfälle exportiert. Diese unlautere Praxis in Bezug auf wirtschaftliche, soziale und ökologische Auswirkungen steht am Rande der gesetzlichen Anforderungen der Abfallrichtlinien. In der Tat sollten die Exporteure nachgewiesen haben, dass die exportierten Abfälle nach den EU-Normen behandelt werden.“
Leider gibt es noch keine verlässlichen Stoffflussangaben der fast sechs Millionen Tonnen Kunststoffabfälle in Deutschland. Eine vertiefende Betrachtung, welche Menge wie und wo werkstofflich verarbeitet wird, wird gerade von der Conversio im Auftrag von Plastic Europe erarbeitet. Schaut man sich den Kunststoffstrom in Deutschland mal genauer an, werden rund 50 Prozent der derzeit als „rezykliert“ gezählten Kunststoffmengen im Ausland werkstofflich verarbeitet (bisher überwiegend in China mit fast 0,8 Millionen Tonnen). Bei den verbleibenden Inlandsmengen werden bis zu 30 Prozent in Holz- und Betonersatzprodukten verwendet. Nicht mal acht Prozent des Kunststoffverbrauchs in Deutschland werden vermutlich durch hochwertiges Rezyklat aus deutschen Kunststoffen gedeckt.
Nimmt man an, dass dieses Jahr rund 0,6 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle nicht nach China exportiert werden können und in Deutschland thermisch behandelt werden müssten, kann man bei einem dreifachen Heizwert von rund 1,5 Millionen Tonnen Siedlungsabfalläquivalent ausgehen. Dies ist zwar nur eine theoretische Betrachtung, da sicherlich auch andere Verwertungswege (Mitverbrennung in Zementwerken in Deutschland und im Ausland, Recycling in anderen ausländischen Märkten) gefunden werden. Es zeigt aber die Dimensionen, und dies bei voll ausgelasteten TAB in Europa.
Die Kunststoff- und die Premium-Ersatzbrennstoffaufbereiter profitieren derzeit vom Marktgeschehen. Interessant ist, dass bei unseren Anlagen seit dem Importstopp kaum zusätzliche Mengenkontingente angefragt wurden; da stellt man sich die Frage: Wo bleiben die minderwertigen Kunststofffraktionen?
Die aufkommende Diskussion, dass die Kunststoffe nun wieder „übergangsweise“ deponiert werden sollen, geht in die falsche Richtung. Auch Aussagen wie die von Dr. Evelyn Hagenah vom UBA nach dem Importstopp der Chinesen: „Die schlechteste Lösung aber ist es, nun mehr Kunststoffe zu verbrennen“ zeugen vom Glauben an das Ökomärchen.
Themen wie Mikroplastik, Meeresverschmutzung, Verunreinigung der Schlei und die letzte Hiobsbotschaft von kunststoffverunreinigten Komposten und Böden zeigen im Zusammenhang mit der anstehenden Neuordnung der weltweiten Recyclingströme, dass eine nachhaltige Ressourcenwirtschaft wohl neu gedacht werden muss. Daher bewerte ich den Importstopp als positive Zäsur bei der Recyclinglüge. Auch der sich bereits abzeichnende Strukturwandel in der Recyclingbranche wird beschleunigt. Industrielle Strukturen von Weltkonzernen als Marktplayer treffen auf kleine Familienbetriebe als Rezyklatanbieter – das wird sich wohl ändern. Die vertikale Integration von Rezyklierern bei Kunststoffverarbeitern/-herstellern wird sich wohl beschleunigen.

„Nicht einmal acht Prozent des in Deutschland verwendeten Kunststoffs sind hochwertiges Rezyklat.“

Welche Weichenstellungen fordern Sie als Verband in den kommenden Jahren von der Politik?
Martin Treder: Hier gibt es zahlreiche grundlegende Forderungen und viele Einzelregelungen, die einer nachhaltigen Ressourcenbewirtschaftung entgegenstehen. Einige Aspekte habe ich bereits angesprochen wie verlässliche Daten, realistische Zielvorgaben unter Berücksichtigung der Marktpotenziale, Einführung von Steuerungsinstrumenten wie Ökoeffizienzanalysen statt „Bauchgefühl-Wissenschaft“.
Wir müssen dafür sorgen, dass die Industrieproduktion in der EU nicht weiter abgebaut wird. Nur dann lassen sich Stoffströme beeinflussen, hochwertige Rezyklate herstellen und die Scheinverwertung mit gravierenden Umweltauswirkungen in Drittstaaten minimieren. Die Chancen stehen nicht schlecht, einen Neuanfang in der Abfallwirtschaft zu wagen. Dank der chinesischen Restriktionen und der Vollauslastung unserer Anlagen wird die Recyclinglüge zunehmend enttarnt und das Ökomärchen verliert hoffentlich zunehmend seine Anhänger. Eine „zweite Tongrubenentsorgung“ und ein Aufbau von „Recyclingstrukturen à la China“ in anderen Staaten müssen von der Politik verhindert werden.

Autor: Philipp Lubos

Aufmacherbild: ITAD