Geschäftsfrau sitzt an einem Tisch voller Büroarbeiten

Einflüsse von REACH auf das Recycling

Recycling

Ab Ende Mai tritt die REACH-Verordnung in die finale Umsetzungsphase ein. Das hat Auswirkungen auf das Kunststoffrecycling – besser, man ist vorbereitet.

Die Ergebnisse der REACH-Verordnung (Verordnung (EG) Nr. 1907/2006 zur Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe […]) können sich weltweit sehen lassen. Eine große Anzahl an gefährlichen Chemikalien, welche schädlich für die menschliche Gesundheit oder die Umwelt sein können, wurden laut der europäischen Verordnung beschränkt oder verboten. So wurden zum Beispiel 18 Beschränkungen für verschiedene Stoffgruppen erlassen.

Darunter fielen Chrom, Nickel und Blei in Verbrauchererzeugnissen, das Umwelthormon Bisphenol A in Kassenzetteln oder Nonylphenolverbindungen in Textilwaren, die weitestgehend zur Herstellung, Verwendung und zum Import in die Europäische Gemeinschaft verboten wurden.REACH identifizierte darüber hinaus weitere 181 chemische Stoffe (Stand März 2018), die schwerwiegende Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt haben können. 43 Stoffe sind in der „REACH-Zulassungsliste“ enthalten – das bedeutet, dass Unternehmen eine Zulassung für diese Chemikalien bei der europäischen Behörde erwirken müssen und dass ihre Herstellung und Verwendung schrittweise eingestellt werden, sobald Alternativen zur Verfügung stehen.

Risiken erfassen

Durch das REACH-Registrierungsverfahren sind bisher Informationen über mehr als 17.000 Stoffe in 65.000 Registrierungsdossiers der wichtigsten in der EU hergestellten und importierten Chemikalien erfasst. Die Europäische Gemeinschaft kann durch diese Erfassung und Aufbereitung der Informationen besser auf die Risiken im Zusammenhang mit Chemikalien eingehen und reagieren.
Finale Umsetzungsphase

stammer_reach_1 -web„Die REACH-Verordnung ist noch nicht abgeschlossen.“, meint Frank Stammer, Fachreferent für Regulatory Compliance, Statistik und Marketing beim GKV/Tec Part. Er betreut unter anderem die Fachgruppen Compoundierer und Recycler. Foto:GKV

Am 31. Mai 2018 tritt nun die REACH-Verordnung in ihre finale Umsetzungsphase ein. Dabei wird die erlaubte Freigrenze ohne das behördliche REACH-Registrierungsverfahren beim Import oder bei der Herstellung von chemischen Stoffen beziehungswesie Gemischen von 100 t auf 1 t pro Jahr herabgesenkt. Dieser Stichtag kann insbesondere das Kunststoffrecycling in Deutschland vor eine große Herausforderung stellen. Aufgrund der rechtlichen Ausnahmen von der Registrierungspflicht für Abfälle unterliegen Kunststoffabfälle nur eingeschränkt dem Wirkungsbereich der REACH-Verordnung. Allerdings kann es diffizil werden, wenn aus Kunststoffabfällen erneut Rezyklate entstehen.

Plötzlich Erzeuger

Juristisch gesehen verlässt in diesem Fall
der Rezyklierer nämlich wieder das Abfallrecht und wird gemäß der REACH-Verordnung somit zum Hersteller von chemischen Stoffen. Dies hat zur Folge, dass der Rezyklierer mit gewissen Ausnahmen die gesamten REACH-Pflichten eines Stoffherstellers wie beispielsweise die Sicherheitsbeurteilung, die Informationsweitergabe in der Lieferkette sowie gegebenenfalls die Registrierung der Monomere, Additive und so weiter zu erfüllen hat. Der Rezyklierer steht somit vor der hochkomplexen Aufgabe, im Rahmen der vorgeschriebenen Ermittlungs- und gegebenenfalls Einstufungspflichten der REACH-Verordnung seinen Abfallinput auf verwendete Monomere, Additive, Füll- und Farbstoffe, aber auch Verunreinigungen untersuchen zu müssen.

In den meisten postindustriellen Abfällen kann dabei auf ein breites Branchen- und Betreiberwissen der vorgelagerten Lieferkette zurückgegriffen werden. Schwieriger gestaltet sich jedoch die Informationsgewinnung bei Post-Consumer- und Spot-Market-Abfällen. Hier ist in der Regel die Informationskette unterbrochen und die Rezyklierer können nur sehr eingeschränkt auf Informationen der vorgelagerten Lieferkette zurückgreifen. In diesen Fällen ist die vollständige Laboranalyse des Rezyklats meist die einzige Lösung. Obgleich in der REACH-Verordnung selbst keine Qualitätssicherungsroutinen vorgegeben werden, hat sich in der Praxis ein fünfstufiges System zur Sicherstellung der REACH-Konformität von Rezyklaten etabliert. So kann beispielsweise über die kontinuierliche Kontrolle des Wareneingangs, durch Stichproben oder Lieferantennachweise sichergestellt werden, dass der aufgenommene Abfall den Annahmen des Rezyklierers und Vorgaben der REACH-Verordnung entspricht.

Bei der Lagerung und Weiterverarbeitung ist dann vor allem die Getrennthaltung von Abfallströmen mit bekannten und unbekannten Inhaltsstoffen von entscheidender Bedeutung. Auch eine qualitätsgesicherte Steuerung der Recyclingprozesse zum Schutz vor ungewollter Vermischung beziehungsweise Stoffumwandlung kann zur Vermeidung von Einträgen von Fremdstoffen beitragen. Abschließend bilden Warenausgangskontrollen des fertigen Rezyklats analog zur Wareneingangskontrolle ein wirksames System zur Prüfung der Produktparameter. Mit die wichtigsten Schritte sind allerdings die Sicherung und Dokumentation aller Informationen zu Inhaltsstoffen und Erkenntnissen zum „Gefährlichkeitsprofil“ des Abfallinputs der vergangenen zehn Jahre sowie die regelmäßige Prüfung dieser Dokumente.

Die Menge macht’s

Problematisch wird es allerdings zukünftig in den Fällen, in denen Recyclingunternehmen nach dem 31. Mai 2018 chemische Stoffe in einer Jahresmenge von mehr als 1 t ohne eine vorherige REACH-Registrierung in Verkehr bringen. Neben Bußgeldern nach den entsprechenden Chemikalienverbotsvorschriften der EU-Mitgliedsstaaten droht zudem gemäß der REACH-Verordnung ein Marktverbot im gesamten europäischen Wirtschaftsraum.

REACH und die Kunststoffstrategie

Auch im Hinblick auf die im März veröffentlichte EU-Kunststoffstrategie nimmt die REACH-Verordnung einen besonderen Stellenwert ein. So ist zu erwarten, dass die Mechanismen des „REACH-Beschränkungsverfahrens“ zukünftig in vielen politischen Diskussionen wie zum Beispiel bei der Beschränkung von Mikrokunststoffen mit beabsichtigter Freisetzung und Maßnahmenpaketen der Europäischen Union wie der Eindämmung von polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen in Verbraucherprodukten als Grundlage für Entscheidungen der Europäischen Kommission zurate gezogen werden.

Es geht noch weiter

Die REACH-Verordnung ist mit dem 31. Mai 2018 noch längst nicht abgeschlossen, sondern beginnt erst ihre volle Wirksamkeit zu entfalten. Bereits vor knapp zehn Jahren haben daher die Interessenverbände der Kunststoffindustrie gemeinsam mit dem Umweltbundesamt eine „Handreichung für eine sachgerechte Umsetzung der REACH-Anforderungen für Betreiber von Recyclinganlagen“ entwickelt. Dieser kostenfreie Praxisleitfaden erklärt die wesentlichen Zusammenhänge, Anforderungen und Ausnahmen für Recyclingunternehmen bei der Erfüllung ihrer REACH-Pflichten. Darüber hinaus unterstützt der GKV/Tec Part in seiner Gremienarbeit und durch die zahlreichen Verbandsleistungen die Mitgliedsunternehmen aktiv bei der Einhaltung und Interpretation von Regularien, Normen und Gesetzen.

Autor: Frank Stammer

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